„Material ist egal, wenn der Spieler gut ist“
Dieser Mythos ist das genaue Gegenstück zu Abschnitt 20.1. Zerlegte jener Abschnitt den Glauben, der teure Belag gleiche fehlende Technik aus, so nimmt sich dieser den entgegengesetzten Glauben vor: dass ein ausreichend guter Spieler mit jedem Schläger gleich stark spielt. Der Satz fällt meist als Zurechtweisung – wer vom Material besessen ist, bekommt den Rat, „nicht länger den perfekten Schläger zu suchen und mehr zu trainieren“ –, und in diesem Zusammenhang ergibt er Sinn. Wörtlich genommen ist er aber falsch. Und zum allgemeinen Prinzip erhoben, richtet er Schaden an.
Wahr daran ist, dass die Technik mehr wiegt als das Material. Ein Spieler mit sauberen Schlägen, guter Beinarbeit und taktischem Spielverständnis gewinnt die meisten Spiele gegen einen schwächeren Gegner, auch mit einem fremden Schläger. Die Grundlagen des Tischtennis – Stellung zum Ball, Antizipation, Güte des Kontakts – lassen sich von einem Material aufs andere übertragen. Das zeigt sich jedes Mal, wenn ein erfahrener Spieler sich einen Vereinsschläger leiht und trotzdem den schlägt, gegen den er sonst verliert. Die Technik ist die Konstante, das Material die Variable.
Doch die Variable zählt, und mehr, als der Satz zugibt. Was der erfahrene Spieler mit dem geliehenen Schläger merkt, ist nicht, dass er gleich spielt, sondern dass er sich anpasst. Sein Topspin wird kürzer oder länger als erwartet, sein Block braucht eine Korrektur des Winkels, sein Aufschlag verliert eine Variante, weil der Belag nicht auf die gewohnte Bewegung antwortet. Er mag das Spiel gewinnen, aber er spielt nicht sein bestes Tischtennis. Und im Wettkampf, wo die Abstände schrumpfen, bedeutet „nicht das beste Tischtennis spielen“ verlorene Punkte. Abschnitt 11.1 erklärt, warum sich derselbe Belag auf jedem Holz anders anfühlt. Die unmittelbare Folge: Der Spieler baut sein Spiel auf den besonderen Antworten seines Schlägers auf, und diese Antworten zu verändern hat einen echten Preis.
Eine zweite Ebene übersieht der Mythos. Das Material begleitet den Spieler nicht nur, es prägt ihn. Ein Abwehrspieler mit langen Noppen (Abschnitt 6.3) und langsamem Holz hat seinen Stil auf den Eigenschaften dieser Ausrüstung entwickelt. Ihm einen offensiven Outer-Carbon-Schläger mit zwei harten Tensorbelägen zu geben heißt nicht, ihm „schlechteres“ Material zu geben, sondern eines, das sein Spielsystem aushebelt. Dasselbe gilt in umgekehrter Richtung: Ein tischnaher Angreifer, der auf das Katapult eines harten Tensors angewiesen ist (Abschnitt 2.4), verliert seine wichtigste Waffe, wenn er mit einem Kontrollbelag spielt. Die Behauptung, „Material ist egal“, setzt voraus, dass das Spiel des Spielers unabhängig von seiner Ausrüstung ist, und das ist es nicht. Stil und Material entwickeln sich über Jahre des Trainings gemeinsam (Abschnitt 16.8).
Hinzu kommt ein körperlicher Aspekt, den der Satz übergeht. Ein älterer Spieler, der Armgeschwindigkeit verloren hat, braucht einen Schläger, der diesen Verlust ausgleicht – weniger Gewicht, reaktivere Beläge, ein Holz mit etwas Unterstützung –, weil seine Technik zwar gut bleibt, sein Körper aber nicht mehr dieselbe Kraft in den Treffer bringt (Abschnitt 17.5). Ihm zu sagen, „Material ist egal“, heißt zu übersehen, dass sich sein Körper verändert hat und dass das Material das Werkzeug ist, mit dem er weiter umsetzen kann, was er kann. Dasselbe gilt für einen Spieler mit einer Verletzung an Ellbogen oder Schulter: Die Wahl von Gewicht und Steifigkeit ist keine Laune, sondern eine funktionale Notwendigkeit.
Was der Satz eigentlich sagen müsste, ist differenzierter: Das Material ersetzt die Technik nicht, aber die Technik arbeitet nicht im luftleeren Raum. Der gute Spieler spielt mit jedem Schläger besser als der schlechte, ja. Aber derselbe gute Spieler spielt besser, wenn sein Schläger mit Sachverstand gewählt ist, als wenn er mit dem Erstbesten spielt, der ihm in die Hände fällt. Die Bestandsaufnahme aus Abschnitt 15.2 und die Entscheidungsbäume aus Abschnitt 18.7 gibt es gerade deshalb, weil die Wahl zählt – nicht obwohl sie nicht zählen würde.
Die praktische Folge ist dieselbe, die dieses Kapitel über Mythen beschließt: Das Material ist weder alles noch nichts. Der Spieler, der jeden Monat den Belag wechselt und nach der Wunderlösung sucht, verschwendet seine Zeit (Abschnitt 19.3); der, der seit zehn Jahren mit einem Schläger spielt, der nicht mehr zu ihm passt, weil „es auf die Technik ankommt“, ebenso. Zwischen beiden Extremen liegt ein vernünftiger Bereich, in dem das Material gewählt, getestet und behalten wird, solange es funktioniert – und gewechselt wird, wenn es das nicht mehr tut.