OPEN TT§ 20.6 — „Noppen sind Betrug“
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Titelseite/Teil VI/Kapitel 20·20.6
§ 20.6

„Noppen sind Betrug“

Teil VI · Gut entscheidenKapitel 203 min Min. Lesezeit

Von allen Materialmythen ist dieser der emotional aufgeladenste. Ein Spieler verliert gegen jemanden mit langen Noppen, hat das Gefühl, der Ball habe Dinge getan, die er nicht tun dürfte, und schließt, dass das Material – nicht der Gegner – ihm das Spiel abgenommen hat. Die Klage gibt es in Varianten: „Das ist kein richtiges Tischtennis“, „mit Noppen braucht man keine Technik“, „die sollte man verbieten“. Keine davon hält einer ernsthaften Prüfung stand, doch alle speisen sich aus einem echten Frust, den man verstehen sollte, bevor man ihn zerlegt.

Der Frust hat einen berechtigten Grund: Lange Noppen kehren die Rotation des Balls um, und ein Spieler, der es gewohnt ist, gegen Noppen-innen-Beläge zu spielen, erkennt nicht, was ankommt. Der Topspin, den er schlägt, kommt als Unterschnitt zurück; der Unterschnitt als Topspin. Abschnitt 6.3 erklärt die Physik des Phänomens – die Verformung der Zylinder des Obergummis, das Fehlen aktiver Griffigkeit –, und wer ihn gelesen hat, weiß, dass keine Magie im Spiel ist. Es ist ein mechanisches Verhalten, das sich von dem des Noppen-innen-Belags unterscheidet und vorhersehbar wird, sobald man es versteht. Das Problem ist nicht, dass die Noppen betrügen, sondern dass der Gegner nicht lesen kann, was sie tun. Die Unkenntnis des Gegners macht das Material nicht unrechtmäßig.

Das Argument „mit Noppen braucht man keine Technik“ stellt die Wirklichkeit auf den Kopf. Das Spiel mit langen Noppen verlangt ein eigenes technisches Repertoire und ein Spielverständnis, das der beidhändige Angreifer selten braucht. Der Noppenspieler muss die Rotationsvariation kontrollieren, die er zurückgibt – und die hängt von der Rotation ab, die er bekommt, nicht von der, die er selbst erzeugt. Er muss präzise platzieren, weil ihm eigenes Angriffstempo fehlt, und er muss ständig den Rhythmus wechseln, damit sich der Gegner nicht einstellt. Die Spielertypen, die Noppen spielen – der moderne Abwehrspieler (Abschnitt 16.5), der Blocker (Abschnitt 16.6), der „trickreiche“ Spieler (Abschnitt 16.7) –, sind auf eine taktische Führung des Ballwechsels angewiesen, die ausgefeilter ist als die des Angreifers, der mit Kraft abschließt. Der Mythos verwechselt „andere Technik“ mit „keine Technik“, und zwar deshalb, weil er das Spiel des Gegners mit den Maßstäben des eigenen misst.

Auch einen Aspekt des Regelwerks übersieht der Mythos. Noppen – kurze, mittellange und lange – sind von der ITTF zugelassenes Material und unterliegen denselben allgemeinen Vorgaben zu Zusammensetzung und Gesamtstärke wie jeder Noppen-innen-Belag und zusätzlich eigenen Regeln für Form und Dichte der Noppen (Abschnitt 3.4). Sie sind weder aus Nachsicht noch aus Versehen erlaubt, sondern weil sie seit Jahrzehnten zur technischen Vielfalt des Sports gehören. Das Regelwerk hat die extremsten Noppen in mehreren Überarbeitungen eingeschränkt – die längsten, die dünnsten, die mit den unberechenbarsten Wirkungen –, und die LARC-Liste wird gerade deshalb laufend aktualisiert, um das Spiel in vernünftigen Grenzen zu halten. Wer mit zugelassenen Noppen spielt, spielt innerhalb der Regeln, ohne Wenn und Aber.

Ein letztes Argument verdient eine Antwort: „Wären Noppen legitim, würden die Profis sie spielen.“ Sie tun es. Die Abwehr mit langen Noppen hat es bis ins Viertelfinale von Weltmeisterschaften geschafft und Spitzenspieler hervorgebracht, deren Spiel nicht weniger ausgefeilt ist als das der Angreifer, die gegen sie antreten. Dass die Mehrheit der Tour Noppen-innen-Beläge bevorzugt, zeigt nicht, dass Noppen unterlegen sind, sondern dass der beidhändige Angriffsstil die heutige Ära beherrscht. Die Vorherrschaft eines Stils macht die anderen nicht ungültig; sie macht sie nur zur Minderheit.

Nimmt man die emotionale Ladung weg, bleibt ein Material mit eigenem mechanischem Verhalten, geregelt von derselben Instanz, die alles andere regelt, das eine eigene Technik verlangt, um es zu spielen, und eine eigene Anpassung, um dagegen zu spielen. Wer gegen einen Noppenspieler verliert, verliert nicht gegen einen Betrug, sondern gegen einen Spieler, der ein System beherrscht, das der Gegner nicht lesen gelernt hat. Die Lösung liegt nicht im Regelwerk, sondern im Training. Abschnitt 6.3 liefert die Schlüssel zu dem, was Noppen tun, und mit diesem Wissen hört der Spieler, der gegen sie antritt, auf, sich betrogen zu fühlen, und beginnt zu kämpfen.